Kapitel 19: Kosmetikrecht und gesunder Menschenverstand


Der Verkauf von kosmetischen Mitteln unterliegt in Deutschland keiner Zulassungspflicht. Das heißt, im Prinzip kann jeder ein kosmetisches Mittel herstellen oder vertreiben. Jedoch sind eine Vielzahl von Vorschriften und Dokumentationspflichten zu beachten. Nach einer umfangreichen Recherche der entsprechenden Verordnungen suchen wir einen Rechtanwalt für Kosmetikrecht auf. Zunächst ist unklar, ob es sich bei uns überhaupt um ein kosmetisches Mittel handelt, da wir ja die Rohstoffe verschicken wollen. Wir erhalten dazu widersprüchliche Einschätzungen und neigen am Ende vorsichtshalber dazu, dass es sich um ein kosmetisches Mittel im rechtlichen Sinne handelt und so machen wir uns auf den Weg die Anforderungen an kosmetische Mittel zu erfüllen.

Doch das ist leichter gesagt als getan. Für jedes kosmetische Mittel muss nämlich ein eigener Sicherheitsbericht durch einen Fachmensch erstellt werden. Sobald sich die Zusammensetzung der Zutaten prozentual ändert oder ein einziger Bestandteil wechselt, muss ein neuer Bericht erstellt werden. Das ist im Prinzip zwar möglich, kostet aber Unsummen an Geld.

Hinzu kommt, dass sich einige der von uns angeschriebenen Sicherheitsbewerter und Kosmetikberater mit unserem Konzept schwer tun: „Wie können wir die Sicherheit bewerten von einem Produkt, von dem gar kein Endprodukt vorliegt? Was, wenn die Menschen zuhause mit den Rohstoffen Unfug anstellen?“ fragt eine Fachfrau am Telefon. „Welchen Unfug soll man anstellen können? In unseren Päckchen sind Pflanzenbuttern und Pflanzenöle enthalten. Vieles davon könnte man theoretisch sogar essen! Und oft bestehen die Produkte aus wenigen einfachen Zutaten. Warum muss ich denn bewerten lassen, ob Olivenöl in der Anwendung auf der Haut sicher ist?“

Trotzdem. Vorschrift ist Vorschrift. Nur unser Konzept will einfach nicht dazu passen. Es wird schnell klar, dass die gesetzlichen Vorgaben für große Unternehmen zugeschnitten worden sind: Da wird eine Rezeptur sicherheitsgetestet und dann das Produkt viele Millionen Mal verkauft. Bei uns ist das anders. Wir müssen viel Geld ausgeben für unsere Produkte, von denen wir aber noch nicht wissen, ob sie genügend Menschen gefallen.

Die Politologin in mir, sieht hier ein Innovationshemmnis oder auch ein gutes Beispiel dafür, wie kleine und mittelständische Unternehmen strukturell benachteiligt werden. Und ob am Ende der Verbraucherschutz wirklich verbessert wird, darf bezweifelt werden.  Aber auch wenn sich der gesunde Menschenverstand wundert, verbringen wir Wochen und Monate damit, die nötigen Kontakte aufzubauen und eine Firma zu finden, die uns auf unserer Reise in die Kosmetikbranche begleitet. Als wir den ersten Sicherheitsbericht über unsere SheaSahne in den Händen halten, atmen wir auf: Leute, ihr könnt unbedenklich Jojobaöl, Sheabutter, Maisstärke und Vitamin E auf Eure Haut auftragen. Ohne Witz.


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